Macht Bücherübersetzen Spaß?

Renate Warren

Angefangen hat es 2012, als der Autor gerade den ersten Band fertiggeschrieben hatte.

Damals saß Graham in Luxor in seiner „Box", wie er seine Schreibstube nannte, und hatte mit miserablen Internetverbindungen und ständigen Stromausfällen zu kämpfen. Die Abfassung seines ersten Buches hat doppelt so lange gedauert, wie alle folgenden.

Ich habe dieses erste Buch übersetzt, als meine Englischkenntnisse maximal Abiturniveau hatten. Die Übersetzung hat ebenfalls doppelt so lange gedauert, wie die der Folgebände. Und sie war schlecht, oh wie schlecht.

Trotzdem haben wir erstaunlich wohlwollende Besprechungen bekommen. Ein deutscher Leser hat völlig zu Recht die vielen Schreibfehler bemängelt.

Durch mein eigenes Leben erst in Luxor und dann in England ist mein Englisch schnell besser geworden. Der zweite Band war immer noch zu hölzern, der dritte war besser und flüssig, und mit dem vierten war ich von Anfang an zufrieden. Die ersten drei Bände haben zum Ende des Jahres 2016 eine in monatelanger Arbeit angefertigte Komplettrevision erfahren, ich habe nicht geruht, bis ich das Gefühl hatte: das kann ich meinen Lesern zumuten. Gut genug ist es nie!

Manchmal, wenn ich Hunderte von Seiten übersetzt und an Formulierungen und einzelnen Wörtern herumgefeilt habe, fällt mir vor lauter Englisch im Kopf ein Ausdruck in der eigenen Muttersprache nicht mehr ein. Auch Schreibfehler sind wie der Wald, den man vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Man sollte als Übersetzerin nicht selber das Korrektorat übernehmen, man wird wirklich betriebsblind. Dankbarerweise hat mir eine gute Seele in Deutschland oft geholfen.

Ich bin keine professionelle Übersetzerin. Damit meine ich, dass ich keine Kurse oder dergleichen besucht habe. Ich habe aber früher in Deutschland, nach meinem Studium, als Redakteurin und im Korrektorat gearbeitet. Von da ab sind mir selbst auf Speisekarten ständig Rechtschreibfehler aufgefallen … Mittlerweile habe ich, so hoffe ich wenigstens, ein Gefühl für die englische Sprache entwickelt. Ich muss nicht mehr lange nachdenken, fast keine Wörter mehr nachschlagen, ich weiß, wie frei oder wie eng am Text ich arbeiten muss. Mein Gefühl für die deutsche Sprache verdanke ich meinem früheren Beruf in der Verlagsbranche und meiner Liebe zur Literatur.

Auch wenn die Literatur, wie so vieles andere, zu kurz kommt, wenn ich wieder an einer Übersetzung arbeite, lautet die Antwort auf die Ausgangsfrage deshalb klar und deutlich: Ja, Bücherübersetzen macht Spaß!

Mittlerweile so sehr, dass ich angefangen habe, auch Bücher von anderen AutorInnen zu übersetzen. Da meine Liebe der arabischen Welt gehört und die meisten britischen Bücher schon feste Vertragspartner in Deutschland haben, habe ich mich arabischen SchriftstellerInnen zugewandt, die auf Englisch schreiben. Ich kann zwar Arabisch sprechen, lesen und schreiben, aber nicht gut genug, um es als Quellsprache zu benutzen.

Die Bücherwelt, die Welt der Sprachen und der Literatur, lässt mich einfach nicht los. Ebensowenig wie Ägypten. Es ist meine zweite Heimat.

Renate